E n t s t e h u n g __ d e r __ S a g i

Bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts war Weissenbach unter dem Namen Werdolcwile oder Werdenswil bekannt. Der Ort bestand aus der Mühle am Weissenbach, die zur Gemeinde Buttwil und damit zum Amt Muri gehörte und aus dem nördlich anstossenden Steckhof Werdenswil, dem Kelnhof im Amt Boswil zugehörig.

Die an den Hof Werdocwile angrenzende Müle am Weissenbach, eine der ältesten im Freiamt, wird in den Urbarien erstmals 1380 erwähnt. Bürkli Tubler wird als Inhaber des Erblehens angefürt. Der Mühle war schon sehr früh eine Säge angeschlossen. Gemäss Erblehensvertrag, den Abt und Konvent des Klosters Muri 1426 erneuern, muss die Mühle samt Säge, sei es durch Unwetter oder Brand, so schwer beschädigt worden sein, dass sie ihre Mahl- und Sägetätigkeit und somit die Versorgung der Bevölkerung nicht mehr gewährleisten konnte, wieder aufgebaut werden. Tubler kommt der Aufforderung, Mühle und Säge wieder aufzubauen und zu nutzen, nicht nach, weshalb er 1433 von Abt und Konvent vor Gericht gezogen wird.

1459 erwirbt der Mühlenbesitzer auch den Steckhof Werdocwile, so dass nun Mühle und Hof in derselben Hand sind.

Der Betrieb der Mühle und Säge unterstand der Konzession, d.h. der Bewilligung des Grundherrn, bzw. nach 1415 der Tagsatzung. Es handelte sich um eine Ehafte (einen durch Recht und Übereinkunft konzessionierten Gewerbebetrieb, in der das Recht der Wassernutzung eingeschlossen war).

Ab 1550 ist die Dynastie der Müller in Weissenbach nachgewiesen. Wahrscheinlich haben sie schon früher die Mühle und den Hof von den Dublern übernommen und vom Abt des Klosters als Erbleihe empfangen. Der Betrieb umfasste damals 33 ha Matten, Acker und Wald. Während ca. 300 Jahren in acht Generationen sind die Müller auf der Wyssebacher Mühle. 1818 verkauft die letzte Besitzerin, Anna Maria Moser-Müller (1790-1873) ihren halben Anteil an der Mühle an ihren Cousin Leonz Strebel aus Buttwil, der schon seit 1805 im Besitz der anderen Hälfte war.

Während der Mühlenbesitz unteilbar war, erfuhr der Landwirtschaftsbetrieb ein wechselhaftes Schicksal. 1565 setzte die sogenannte kleine Eiszeit ein. Zahlreiche Missernten und Hungersnöte brachten die Bauern in grösste Bedrängnis, so dass sie genötigt waren, Land zu veräussern.

Dagegen brachten die Mühlen und die Säge sowie der Getreidehandel gute Erträge. So übernahmen die Mühlenbesitzer oft wieder den Stackhof oder Teile davon, aber auch Land von anderen Bauern. Durch erneute Realteilungen wurde der Hof jedoch immer mehr zersplittert.

Die Mühle war im Laufe des Jahres unterschiedlich ausgelastet. Durch die Säge konnten die flauen Zeiten überbrückt und so die Wasserkraft besser genutzt werden. Die Wyssebacher Sagi schnitt für die Bauern der näheren und ferneren Umgebung Nutz- und Bauholz. Der bedeutenste Kunde war aber das Kloster Muri. Aus den Zinsbüchern geht hervor, dass grössere Posten nicht nur gesägt, sondern zum Teil auch in den Klosterwaldungen gerüstet, auf die Säge geführt und aufgrund von Holzlisten der Klosterverwaltung gesägt wurden. Hochkonjunktur erlebte die Sagi besonders zur Zeit von Abt Plazidus Zurlauben (1648-1701), der eine umfangreiche Bautätigkeit entfaltete. Das erforderte grosse Holzmengen, so dass die ausgedehnten klösterlichen Waldungen sehr stark genutzt wurden. Aber auch in späteren Jahren war der Bedarf ansehnlich. So bezog 1759 das Kloster aus der Sagi Wyssebach:

145 Stück Bauholz à 1 Gulden

217 Gulden 20 Schilling

70 Stück Gerüst-Tännlein à 10 Schilling

17 Gulden 20 Schilling

150 Stück tannene Läden à 25 Schilling

93 Gulden 30 Schilling

Total 328 Gulden 30 Schilling

(1 Gulden = 40 Schilling)

Sehr wechselvolle Jahre erlebte die Mühle unter Roni Müller (1631-1694), Untervogt und Seckelmeister des Amtes Muri. Es war die Kriesenzeit nach dem Dreissigjährigen Krieg, die Zeit des Bauernkrieges (1653) und des ersten Villmergerkrieges.

Als Folge des grossen Arbeitsanfalles treffen wir in grösseren Betrieben oft die Grossfamilie an. So arbeiten 1721 auf der Mühle Weissenbach mit dem damals 9 ha grossen Landwirtschaftsbetrieb die Familien der drei Söhne von Roni Müller, bestehend aus sechs männlichen und zwei weiblichen Familienmitgliedern. Zudem beschäftigt der Betrieb noch ein bis zwei Knechte und eine Magd.

1728 wird die baufällige Mühle bis auf die Grundmauern abgetragen und durch einen Neubau ersetzt. Da Sägereien immer in separaten Gebäuden untergebracht sind, wird die Säge durch den Neubau nicht betroffen. Beim Neubau wird der Mahlgang zur besseren Nutzung der Wasserkraft versetzt. Dagegen erheben die Nachbarmüller Klage, so dass auf gerichtliche Anordnung der vorherige Zustand wiederhergestellt werden muss.

Dem Verbal von 1861 ist zu entnehmen, dass die Mühle mit zwei Wasserrädern für zwei Mahlgänge, einem Mahlzylinder, einer Griessstäube und einem Abräder ausgestattet ist. Die Wasserräder haben einen Durchmesser von ca. 16 Fuss (ca.5m) und eine Schaufelbreite von einem Fuss (ca. 30cm). Die Sägerei wird von der Familie Strebel, welche den Betrieb 1805, bzw. 1818 übernommen hat und während zweier Generationen bewirtschaftet, 1836 neu- oder umgebaut. Sie ist mit einer Kurbelsäge und einer Hanfribi an einem oberschlächtigen Wasserrad versehen. Dieses hat einen Durchmesser von 5.50m und eine Schaufelbreite von ca. 90cm.

1872 verkauft Leonz Strebel, alt Grossrat (geb. 1811) die Mühle an die Gebrüder Wyss vom Galizi in Buttwil. Als nächster Eigentümer folgt bereits 1888 Kaspar Güntert. Dieser beseitigt 1894 die Hanfriebi. Dafür werden eine Fruchtbrechmaschine und ein Schleifstein installiert. Mittels Transmission konnte sogar in der nahen Scheune ein Häckerlistuhl und eine Dreschmaschine betrieben werden. Das damalige Wasserrad hatte einen Durchmesser von 5.30 m und eine Schaufelbreite von 80 cm. 1901 wird die Getreidemühle ausser Betrieb gesetzt, nachdem das eine Wasserrad bereits zerfallen und nur noch ein Mahlgang in Betrieb ist.

Francisturbine

1918 geht die Mühle an die Familie Köchli über, die den Betrieb nun in dritter Generation bewirtschaftet. Die Sägerei (Einblatt-Gattersäge) wird als einziger gewerblicher Bertriebszweig weitergeführt. 1930 wird das baufällige Wasserrad durch eine Turbine ersetzt. Das bedingt die Erstellung einer Druckleitung anstelle der bisherigen Wasserrinne.

1996 wurde der Verein Wyssebacher Sagi gegründet, der die Restaurierung der Sagi zum Ziel hat.

Im Sommer 2003 konnten die Restaurierungsarbeiten erfolgreich abgeschlossen werden.

Quellen:

-Dr. Cornelius Müller-Engi: Die Müller auf der Mühle zu Weissenbach (Manuskript)

-Fred Schlatter: Bericht der Denkmalpflege über die Sagi Wyssebach

-Emil Wyss: Familiengeschichte der Familie Wyss